Paul Pfinzing

Ein Porträt von Regina Fleischer

Paul Pfinzing lebte von 1554 bis 1599, also nur 45 Jahre, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in der Zeit des umfassenden kulturellen Wandels zwischen Mittelalter und Neuzeit, der geprägt war von der vielschichtigen Bildungsbewegung des Humanismus. Diese Philosophie rückte den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt des Denkens und forderte dessen freie Entfaltung. Künstler und Gelehrte besannen sich auf die Werke antiker Philosophen und kehrten sich ab von einer streng religiösen Sicht des Lebens. Das von der Kirche geprägte Weltbild wurde in Frage gestellt. Vertreter dieser geistigen Strömung in Nürnberg, wie Celtis, Regiomontan oder Pirckheimer, hatten auf wissenschaftlichem Gebiet große Leistungen erbracht, Albrecht Dürer oder Hans Sachs auf dem der Kunst.

Cuius regio eius religio

Im Hinblick auf die politische Situation waren die Folgewirkungen der Reformation und Gegenreformation spürbar. 1555 wurden im Augsburger Religionsfrieden die nach der Reformation in Deutschland ausbrechenden Unruhen zwischen den protestantischen und katholischen Reichsständen befriedet. Die Fürsten formulierten hier nicht mehr eine religiöse, sondern eine politische Kompromissformel, der beide Seiten zustimmen konnten: „cuius regio eius religio“ – wer das Land regierte, sollte den Glauben bestimmen, ein Sieg der Territorialherren über das Reich. Der gleichzeitig vereinbarte allgemeine Landfrieden sicherte dem Reich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen inneren Frieden, bis mit Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges die Gegensätze erneut und um so heftiger hervortraten. Die freie Reichsstadt Nürnberg, die im Jahr 1525 die evangelische Konfession angenommen hatte, führte allerdings jahrzehntelange Auseinandersetzungen mit den Markgrafen von Ansbach-Bayreuth um Gebietsansprüche, die 1550 bis 1552 zum zweiten Markgräflichen Krieg und damit zur Verwüstung des Nürnberger Landgebiets führten. Weil Nürnberg sich nicht zu einem Gebietstausch entschließen konnte, blieben die Querelen auch in der Folgezeit bestehen.

Nürnberg hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts seinen politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Höhepunkt erlebt. 1504 konnte die Stadt im Zuge des Landshuter Erbfolgekriegs ihr Landgebiet etwa um den heutigen Kreis Nürnberger Land erweitern. Die genau 500 Jahre zurück liegenden Ereignisse wurden in einer sehr anschaulichen Wanderausstellung „Das Territorium der Reichsstadt Nürnberg“ von der „Altnürnberger Landschaft“ vergegenwärtigt – unter anderem in der Sparkasse Hersbruck (die HZ berichtete).

Die ungewöhnliche wirtschaftliche, politische und kulturelle Leistungskraft Nürnbergs kann auch noch im 16. Jahrhundert an der hohen Bevölkerungszahl von 50.000 Einwohnern gemessen werden. Allerdings war die Stadt zu Lebzeiten Pfinzings durch Epidemien und Seuchen geplagt, zum Beispiel starben allein 1585 an Pest und Ruhr um die 5000 Menschen.

Paul Pfinzing und seine Familie

Paul Pfinzing ist im Alter von 37 Jahren von dem Maler Hans Hoffmann, einem Dürer-Nachahmer, auf sehr naturalistische Weise porträtiert worden (siehe Bild). Diese aussagekräftige Zeichnung zeugt von einer selbstbewussten Persönlichkeit, und die Tatsache, dass sich der Kartograph in seinen Arbeiten selbst abgebildet hat, unterstreicht dies.
Paul Pfinzing war sehr stolz auf seine Herkunft. Er entstammt einer der ältesten und angesehensten Patrizierfamilien, die seit dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts in Nürnberg nachgewiesen sind. Als ehemalige königliche Dienstmannen, Reichsvögte und Reichsschultheiße saßen die Pfinzing auf der Nürnberger Kaiserburg, als Geheimsekretäre, Diplomaten und Generäle konnten sie an den deutschen Königs- und Kaiserhöfen ihren Einfluss geltend machen. Pfinzings Großvater Martin (1490-1552) führte zweimal die Nürnberger Abteilung des kaiserlichen Heeres gegen die Türken an, wurde 1532 in Wien zum Ritter geschlagen und war kaiserlicher Rat. Melchior Pfinzing (1481 —1535) trat literarisch hervor: Er verfasste zu Ehren Kaiser Maximilians I. das epische Gedicht „Tewrdannckh“. Der gleichnamige Onkel des Kartographen (1523-1570) war königlich spanischer Rat, Sekretär und Gesandter.
Wie alle vornehmen Patrizier strebten auch die Pfinzing danach, sich in Besitz und Sitten dem ritterbürtigen Landadel anzugleichen und landsässig zu werden.
Landsässig geworden waren die Pfinzings in Henfenfeld. Durch Kauf und Tausch hatte der Großvater Martin I. 1530 die Burg und mehrere Güter in Henfenfeld von der Familie Egloffstein in seinen Besitz bringen können, den seine Söhne weiter arrondierten. Sie kauften das Patronatsrecht über die Kirche vom Kloster Michelsbach bei Bamberg und besaßen damit auch eine eigene Pfarrkirche, in der viele Mitglieder der Familie, auch Paul Pfinzing selbst, die letzte Ruhe fanden. Der Erwerb von Landbesitz wurde vom Nürnberger Rat nicht ungern gesehen und auch finanziell unterstützt, denn er diente auch der Verfestigung und Vereinheitlichung des Pflegamtsgebiets Hersbruck. Henfenfeld blieb bis zum Aussterben des Geschlechts im Jahr 1764 in Familienbesitz.
Der Höhepunkt aller familiären Bemühungen der Pfinzings war jedoch die Bestätigung des Adels durch den Kaiser im sog. Gnadenbrief. Die Pfinzings erhielten nun aufgrund ihrer Verdienste diese heiß begehrte Bestätigung, was zeigt, wie hoch die Wertschätzung dieser Patrizierfamilie durch den Kaiser war. Karl V. bestätigte am 29. September 1554, in Pauls Geburtsjahr, dem Geschlecht der Pfinzing Adel und Wappen. Nebenbei bemerkt, führte die kaiserliche Auszeichnung der Pfinzing zu Protesten einiger anderer Nürnberger Ratsherren wie der Tucher und der Imhoff beim Kaiser, die befürchteten, dass die „,adels hoffarth, und do sich am geschlecht über das ander erheben lest, noch mehr einreißen“. Ab 1554 führten die Pfinzing die Herkunftsbezeichnung nach ihrem Landbesitz „Pfinzing von Henfenfeld“ und behielten den Namenszusatz bis zu ihrem Aussterben.

Schlossherr in Henfenfeld

Die Verwaltung der Besitzungen in Henfenfeld war nach dem Tod des Vaters von Paul Pfinzing zunächst dem Stiefonkel und schließlich dem jüngeren Bruder Seifried (+1586) zugefallen, vermutlich weil Paul, der Älteste, sich von 1582- 1584 im Ausland aufhielt. Im markgräflichen Krieg war das Schloss völlig zerstört worden. 1554 hatte es die Familie wieder aufbauen lassen. Paul Pfinzing übernahm ab 1586 die Verwaltung des Herrensitzes und hatte damit auch das Wohnrecht im Schloss.
Wie sich Paul Pfinzing um dieses Stammgut kümmerte, beweisen die beiden Henfenfelder Karten seines Atlasses, auf denen er das Dorf darstellte.
Die Karte von 1585, bezeichnenderweise die älteste überlieferte kartographische Darstellung Pfinzings: „Schloss Henfenfeld, samt seiner Zugehörigkeit“ ist nach alter Tradition gesüdet, noch sehr bildhaft durch figürliche Darstellungen und zeigt eine große Detailtreue (Vogelherde, Wolfsgruben).
Die Karte von 1592 lässt den augenfälligen Fortschritt Paul Pfinzings in der Topographie erkennen. Die über 400 Jahre alte Darstellung kommt den modernen Flurkarten erstaunlich nahe. Die Karte ist genordet, Waldungen, Wiesen, Felder sind durch unterschiedliche Signaturen und sehr differenzierte Farben hervorgehoben, sämtliche Wege und das Gewässernetz sind genau wiedergegeben. Diese vorzügliche und genaue Darstellung ist obendrein mit einer Legende über alle Anwesen versehen.
Diese Karten von 1585 und 1592 stellen für Henfenfeld, wie von Haller es formuliert, „ein besonderes Glück“ dar, denn sie haben eine hohe Aussagekraft, was die Anfänge der Besiedlung und der Siedlungsstruktur anbelangt.

Paul Pfinzings Werdegang

Nach diesem ersten Einblick in seine Arbeit als Kartograph wenden wir uns seinem Werdegang zu. Paul Pfinzing wurde am 29. August 1554 als Sohn des Handelsherrn Martin Pfinzings II. und seiner aus Leipzig stammenden Frau Katharina Scherl geboren. Er war das fünfte von 13 Kindern.
Der städtische Mittelpunkt der Familie war das Haus „Zum Lindwurm“, heute Königstr. 12 in Nürnberg, das Pfinzings Großvater durch Heirat 1515 erworben hatte. Die Familie hatte Handelsschwerpunkte in Frankreich, den Niederlanden und in Leipzig. Von seinen dortigen Niederlassungen aus betrieb Pfinzings Vater Handelsgeschäfte in Sachsen, Meißen, Thüringen sowie Böhmen und Schlesien. Nürnberg hatte schon immer rege Beziehungen zu der Stadt Leipzig. Die verwandtschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen der Familie Pfinzing zu dieser Stadt waren besonders eng, die Familie hielt sich dort öfter auf.

Die Ausbildung eines Patriziersohns

Obwohl es so gut wie keine persönlichen Quellen aus dieser Zeit gibt, kann man wohl annehmen, dass die Familie, kaufmännischer Weltoffenheit gemäß, sehr bildungsbeflissen war und ihren Kindern eine adäquate Ausbildung angedeihen ließ. Für ein Patrizierkind war die „Ganztagsschule“ nichts Außergewöhnliches. Paul besuchte eine der vier Nürnberger Lateinschulen, lernte dort Lesen und Schreiben und erhielt die Grundlagen im Lateinischen, in der Mathematik und in der Religion. In Zwischenstunden und an den Nachmittagen wurden die Patriziersöhne zusätzlich in die deutsche Schule zu einem fähigen Schulmeister geschickt, wo sie Privatstunden z.B. im kaufmännischen Rechnen bekamen, praxisbezogene Lerninhalte, die in der Lateinschule nicht vermittelt wurden. Es ist bezeichnend, dass Paul Pfinzing später einer deutschen Schule, die von einem Schulmeister als freies Gewerbe betrieben wurde, Räumlichkeiten in seinem Haus gegenüber dem Barfüßerkloster zur Verfügung gestellt hat. Dass Paul Pfinzing außer dem Lateinischen auch das Französische und Italienische geläufig war, liegt nicht nur aufgrund der Geschäftsbeziehungen und seiner dadurch bedingten Auslandsaufenthalte nahe, er setzte sich auch mit fremdsprachiger wissenschaftlicher Literatur in seinen Forschungen auseinander.
Als Achtjähriger wurde Paul im Wintersemester 1562 an der Universität Leipzig eingeschrieben. Solche Kindesimmatrikulationen waren aus Standesgründen gebräuchlich und verhinderten bei einem späteren Besuch der Universität derbe, unappetitliche Aufnahmerituale (wie z.B. den Jaucheguss). Junge Kaufleute wurden schließlich zur Ausbildung nach Mailand, Venedig oder Lyon geschickt. Ältere Biographen Pfinzings bestätigen Reisen nach Frankreich, Italien und in die Niederlande.
Hervorzuheben ist Paul Pfinzings religiös geprägte Lebenshaltung. Er begegnet uns in seinen Büchern und Schriften als ein gläubiger Mensch, der seinem Schöpfer dafür dankt, dass er ihn mit der Begabung der Feldmesskunst ausgestattet hat. Wie kam Paul Pfinzing mit der Kartographie in Berührung? Da er mit großer Wahrscheinlichkeit in Leipzig zur Hochschule ging, könnte er wohl auch dort die Anregung zu seinem Verfahren der Landvermessung bekommen haben.
Während des 16. Jahrhunderts gab es in Nürnberg zwar eine Reihe bedeutender Kartographen, doch konnte Pfinzing an diese Tradition nicht direkt anknüpfen, da der letzte bedeutende, Georg Nöttelein, 1567 verstorben war. Nötteleins „Wald- und Fraischkarte“ von 1563 benutzte Pfinzing jedoch als Mutterkarte, die er kopierte und erweiterte.

Der Geschäftsmann

Die Grundlagen der Existenz für sich und seine große Familie fand er, wie für einen Patrizier der Handelsstadt Nürnberg nicht anders zu erwarten war, als Kaufherr, nicht etwa als Kartograph. Die Pfinzing gehörten neben den Imhoff und Welser zu den wenigen ratsfähigen Familien, die noch bis in das 17. Jahrhundert hinein im Fernhandel tätig waren. Mit 21 Jahren trat Paul Pfinzing 1575 in die Familienfirma, die einen weit ausgreifenden Gewürzfernhandel betrieb, ein.

Die Geschäftsstelle und die Lagerräume befanden sich in seinem Nürnberger Wohnhaus, in dem Eckgebäude der heutigen Königstraße/Adlerstraße. Neben den Hauptniederlassungen in Nürnberg und Leipzig unterhielt die Firma, die nach dem Tode des Vaters „Martin Pfinzings Erben und Mitgesellschafter“ genannt wurde, u. a. Handelsstützpunkte (Warenlager) in Venedig, Salzburg, Augsburg und Regensburg. Man hatte sich auf den Vertrieb von Spezereien wie Safran, Kümmel, Muskat, Zimt, Nelken, Pfeffer und Lorbeer spezialisiert, doch auch Heringe, Wolle, Barchent (Baumwollflanell) und Seide sind als Handelsgüter nachgewiesen. Häufige Reisen waren deshalb an der Tagesordnung. Die Zweigniederlassung in Leipzig suchte Pfinzing mehrmals, zuletzt noch in seinem Todesjahr 1599 auf.

Die Karte vom Pflegamt Hersbruck war Pfinzings letztes Werk und zugleich sein Meisterstück. Auf ihrem Titelblatt hat er sich selbst als reitender Kartograph mit dem Kompass in der Hand verewigt. Daneben zeigt er mit Kompass und Anzeige der Himmelsrichtungen - Mitternacht = Norden, Mittag = Süden, Niedergang = Westen, Aufgang = Osten -, dass die Karte genordet ist, was damals noch nicht selbstverständlich war.

Mit großer Umsicht führte er die Familienfirma und betrachtete diese Aufgabe keineswegs als lästige Pflicht. Das zeigt sich daran, dass er unternehmerische Initiative entwickelte und 1595 die Firma unter seiner Leitung neu gründete. Den vom Rat beglaubigten Vertrag unterschrieben er selbst an erster Stelle, danach fünf seiner Brüder und zwei andere Verwandte. Das Stammkapital betrug damals 29.000 Gulden, wovon 6000 von Paul Pfinzing gestellt wurden. Zum Verlgeich: Ein Handwerker, der nicht schlecht verdiente, hatte ca. 40 Gulden im Jahr.
Neben dem Gewürzhandel waren die Brüder Pfinzing auch stille Teilhaber am Metallhandel. In Steinach, Eichfeld und Ludwigsstadt arbeiteten Hochöfen, die mit der Holzkohle des Thüringer Waldes geheizt wurden und aus Kupfererzen aus dem Harz reines Kupfer ausschmolzen. Die Hütten in Thüna, Gräfethal und Ludwigsstadt warfen auch im 16. Jahrhundert noch stattlichen Gewinn ab. Hier wurde silberhaltiges Schwarzkupfer unter Zusatz von Blei verschmolzen, im Saigerverfahren wurde Silber und Kupfer gewonnen, d. h. durch schwaches Erhitzen des Kupfer-Blei-Gemisches konnte man wegen des unterschiedlichen Schmelzpunktes eine Trennung der Metalle herbeiführen.
Schon der Vater und auch der Schwiegervater des Paul Pfinzing besaßen Anteile an diesen Saigerhütten, welche die Grafen von Thüna als Lehen an entsprechende Kapitalkonsortien vergeben hatten.

In neun Jahren Ehe acht Kinder

In der Reichsstadt Nürnberg war die Voraussetzung für den beruflichen Aufstieg und eine politische Karriere die Heirat innerhalb der ratsfähigen Geschlechter, die sich hermetisch gegen andere Stände abschlossen. Erst die Eheschließung eröffnete in Nürnberg deren Angehörigen Teilhabe am Stadtregiment und Zugang zu einflussreichen Verwaltungspositionen. Eine Hochzeit war ein hochoffizieller Akt und bis in das kleinste Detail geregelt.
Paul Pfinzing heiratete nach seiner Rückkehr aus dem Ausland am 15. Februar 1585 – er war inzwischen 31 Jahre alt – die zehn Jahre jüngere Sabina Lindner, die Tochter eines aus Posen stammenden Fernhändlers. Eine in Silber gegossene Schaumünze aus dem Jahr 1592 zeigt jeweils Brustbilder des Ehepaars. Im Lauf von neun Jahren wurden acht Kinder geboren, Sabina Pfinzing starb bei der Entbindung des letzten Sohnes am 7. März 1594 im Wochenbett.
Zwei Jahre später, am 3. Februar 1596, ging Paul Pfinzing mit Anna Pömer die zweite Ehe ein, aus der drei Töchter hervorgingen.

Die Stationen seiner Rats-Karriere

Zwei Monate nach der Heirat wurde Paul Pfinzing am 14. April 1585 in den etwa 400 Mitglieder zählenden Großen Rat aufgenommen, zwei Jahre später in den entscheidenden Inneren Rat der Reichsstadt Nürnberg, der aus 42 Mitgliedern bestand und die eigentliche Stadtregierung bildete. Als Mitglied des Inneren Rats war er hervorragend am städtischen Regiment beteiligt.
Er hatte eine ganze Anzahl von städtischen Ämtern inne, die ihn erheblich in Anspruch nahmen. Ab August 1590 wurde Pfinzing einer der im vierwöchigen Turnus wechselnden Jungen Bürgermeister.
Neben den politischen Funktionen hatte er ab 1585 mehrere zeitaufwändige Ehrenämter inne. Er wurde als Schöffe und Assessor am Bauerngericht berufen. Ab 1590 war er als einer der sechs Waldherren für ordnungsgemäße Verwaltung und Nutzung des Sebalder und Lorenzer Reichswaldes zuständig. Als solcher schlug er dem Rat die Anfertigung einer Karte als notwendige Grundlage für eine effektive Durchführung der Aufsicht vor. 
Weitere Aufsichtspflichten waren seit 1590 als Herr über die Gebrechen der Pegnitz, das Eichamt und als Marktherr wahrzunehmen, wofür Pfinzing als Angehöriger des Patriziats, als Politiker und Kaufmann prädestiniert war.
Es folgte ein Jahr später die Berufung zum Stadtgericht für niedere Strafsachen. 1593 wurde er zum Viertelmeister der acht Nürnberger Stadtviertel, wo er z. B. für die Steuererhebung oder das Feuerlöschwesen zuständig war.
Schließlich folgte im April 1597 mit 43 Jahren seine Ernennung zu einem der fünf Rugherren, die die Aufsicht über das gesamte Handwerk ausübten. Dies war ein äußerst einflussreiches Amt, und Paul Pfinzing gehörte damit zu den mächtigsten Bürgern, die einen unmittelbaren Einfluss auf die wirtschaftlichen und politischen Geschicke der Stadt besaßen..
Seine außergewöhnlichen zeichnerischen und künstlerischen Fähigkeiten führten außerdem dazu, dass er vom Rat wiederholt als Gutachter in künstlerischen und kunsthandwerklichen Fragen herangezogen wurde, wie z.B. bei der Begutachtung von Gemälden.

Der Kartograph

Seit seiner Rückkehr aus dem Ausland ab 1583 wendete sich Paul Pfinzing der Kartographie zu und begann auf diesem Gebiet sein überragendes Talent systematisch zu entfalten. Er zeichnete eine Reihe von Karten Nürnbergs und der reichsstädtischen Umgebung, mit denen er seiner Zeit als Meister der Kartographie weit voraus eilte.
Über Paul Pfinzing hält schon der Biograph im Stammbuch fest: „Obiger Herr Paul Pfinzing ist ein vortrefflicher Mathematicus, absonderlich in Geometricis gewesen, welches seine hinterlassenen Opera sattsam beweisen.“ Sein berühmtestes „Opus“ ist der so genannte Pfinzing-Atlas. Im Jahr 1594, dem Todesjahr seiner ersten Frau, fasst Pfinzing sein bisheriges Kartenwerk in einem äußerst repräsentativen und im wahrsten Sinne des Wortes gewichtigen Band zusammen, dem Pfinzing-Atlas, der inzwischen dank der Ausstellung und des Faksimiledrucks zum 400. Jubiläum des Atlasses 1994 durch das Staatsarchiv Nürnberg und die „Altnürnberger Landschaft“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde. Seine inhaltliche und formale Gestaltung zeigen deutlich dessen Ausrichtung: Der hoheitliche Anspruch der Reichsstadt Nürnberg soll darin dokumentiert werden.
Der Atlas enthält 28 Blätter mit 34 Karten verschiedener Größe und 13 Seiten Text. Die Karten umfassen Pläne der freien Reichsstadt und Landkarten ihres ehemaligen Hoheitsgebiets, aber auch andere Karten.
Seine Arbeitsweise entwickelte Paul Pfinzing zunächst an Karten, die private Inhalte zum Anlass hatten, wie man an der Darstellung des Stammsitzes Henfenfeld sehen kann. Spektakuläre Ereignisse aus seinem Lebensumfeld weckten ebenfalls das Interesse des Kartographen und er hielt sie bildlich fest, wie z. B. den Brand der Kirche zu Kirchensittenbach. Es ist nachvollziehbar, dass diese Karten den besten Beweis für sein herausragendes Talent darstellten, so dass der Nürnberger Rat ihm als amtlichem Kartographen Aufträge erteilte.
Als kartographische Grundlage für die Prozesse gegen den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach um die „hohe fraischliche Obrigkeit“, die Landeshoheit im Nürnberger Grenzgebiet, verfertigte Pfinzing mehrere Darstellungen (13 Übersichtskarten) über das Nürnbergische Territorium. Es ging z. B. um die Rechte an den Vogelherden in den beiden Reichswäldern. Die Karten wurden erstmals in den Prozessen als Beweismittel verwendet.
Kultur- und stadtgeschichtlich noch bedeutsamer als die Stadtpläne sind die so genannten Landwehrkarten, die nicht nur die alten Befestigungslinien außerhalb der Stadtmauern zeigen, sondern auch die ganze Umgebung Nürnbergs. Sie vermitteln einen tiefen Einblick in die Lebensweise in einer mittelalterlichen Großstadt.
Den Höhepunkt seiner kartographischen Leistung erreicht Paul Pfinzing jedoch mit seinen topographischen Karten. Aufgrund der Vermessung der Pflegämter Lichtenau 1592 (vor Ansbach) und Hersbruck 1594 entstehen Karten, bei denen er sich als Meister der Kartographie zeigt. Bis zur bayerischen Landvermessung Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es im fränkischen Raum keine einzige Karte, die mehr topographische Einzelheiten bringt als Pfinzings Landaufnahmen. Die Karten sind so exakt, dass man sich heute vom Flugzeug aus mit ihrer Hilfe orientieren könnte.

Der Praktiker

Wie entstanden Pfinzings Karten? Wenn man sein Werk als Kartograph betrachtet, kann man es kaum glauben, dass die kartographische Tätigkeit für ihn „eine angenehme Nebenbeschäftigung“ war und er nur in seiner „Freizeit“, die ihm seine Geschäfte und politischen Ämter ließen, sein Augenmerk „auf die Mathematik“ gerichtet haben soll. Die Voraussetzung für die Kartierung bildet, wie man sich vorstellen kann, eine sehr zeitraubende Vermessungstätigkeit.
Hier zeigten sich nun Paul Pfinzings praktisches Talent und seine Kreativität. Mit den verschiedenen kunsthandwerklichen Techniken seiner Zeit vertraut, ersann er Arbeitsgeräte, die die Vermessungsarbeit erleichterten und beschleunigten, die Kartenaufnahme und -zeichnung also rationalisierten.
Paul Pfinzing führte die Vermessungstätigkeit im Feld, die so genannte Routenaufnahme, mit einem eigens entwickelten Marschkompass, je nach Größe des zu vermessenden Gebietes entweder zu Fuß, zu Pferd oder in einem Wagen durch. So wurde die Routenaufnahme, bei der früher Kette oder Schnur verwendet wurden, durch den Schrittzähler vereinfacht, den er bei sich trug, am Pferd oder am Wagen befestigte. Er konnte für diese Arbeit nur einen braven Gaul brauchen, „der im Feld nicht tobet“ und hatte meist auch einen Gehilfen dabei.
Für die Vermessung mit dem Wagen ließ er einen Schrittzähler in einen Wegemesser umbauen, mit dem er 5000 Radumdrehungen messen konnte, was einer Wegstrecke von zirka 30 Kilometern entsprach, bevor der Zeiger wieder auf Null zurücksprang.
Die Übertragung einer Vielzahl von Aufnahmepunkten und Messwerten auf das Kartenblatt musste zu Hause durchgeführt werden und Pfinzing erleichterte sich diese Arbeit durch ein kartographisches Zeichengerät, das er Vortel (Vorteil, mundartlicher Ausdruck der Handwerker für Kunstgriff) nannte. Die Konstruktion von Karten wurde dadurch wesentlich vereinfacht und zeitsparender. Schließlich ersann er noch einen Rahmen zur Vergrößerung oder Verkleinerung von Karten.
In der Kartographie konnte Paul Pfinzing Theorie und Praxis hervorragend miteinander verbinden. Seine Erkenntnisse fasste er in einem ansprechenden Lehrbuch über die Feldmessung zusammen, der Methodus Geometrica.
Dieses Werk gilt als das erste ausführliche Lehrbuch der Kartographie und Vermessungskunde in deutscher Sprache.
Der Kartograph schrieb das Lehrbuch wohl, weil er ein neues Gesamtkonzept der Geländeaufnahme und ihrer Übertragung in ein Kartenblatt erarbeitet hatte, das gegenüber bisherigen Methoden nicht nur viel Zeit ersparte und damit ein ergiebigeres Arbeiten ermöglichte, sondern auch deshalb, weil nach seinem kartographischen Verfahren sowohl Übersichts- und Wegekarten als auch topographische Detailkarten kleinerer Landschaftsräume genau aufgenommen werden konnten. Im Vorwort des Lehrbuchs wird deutlich, dass das Kartographieren für ihn eine sehr befriedigende Arbeit darstellte, die ihm Freude bereitete, auch wenn sie viel Aufwand und Einsatz verlangte und oft nicht entsprechend belohnt wurde.

Der Wissenschaftler

Die Bedeutung Paul Pfinzings liegt jedoch nicht nur auf dem Gebiet der Kartographie. In seinem Todesjahr 1599 erschien unter dem Titel Ein schöner kurtzer Extract der Geometriae und Perspectivae ein weiteres Lehrbuch, das im Jahr 1616 in Augsburg neu aufgelegt wurde. Er setzt sich sehr intensiv mit dem wissenschaftlich-künstlerischen Zentralproblem des 16. Jahrhunderts auseinander: der Entwicklung der Linearperspektive. Pfinzings wissenschaftliche Leistung als Perspektivtheoretiker wurde nun in der neuesten Forschung herausgestellt. Er hat erstmals in deutscher Sprache die diversen im 16. Jahrhundert verbreiteten Perspektivtheorien und -praktiken auch aus Frankreich und Italien analysiert und miteinander verglichen. Diese Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Literatur war völlig neu! Paul Pfinzing konnte zudem auch selbst perspektivisch richtig zeichnen und konstruieren, wie die in der „Methodus geometria“ abgebildeten Innenräume belegen.
Paul Pfinzing hinterließ ein fragmentarisches Werk, als er am 1. Juli 1599 starb, drei Tage nach der Geburt seiner jüngsten Tochter und wenige Wochen vor seinem 45. Geburtstag. Weder geplante weitere Karten noch die in einem nachgelassenen Manuskript zur Perspektivlehre umrissenen geometrischen Vorhaben konnte er mehr ausführen
Wie geehrt Paul Pfinzing schon zu Lebzeiten war, geht daraus hervor, dass nach seinem frühen Tod der Atlas, seine Karten, die Bücher und Vermessungsinstrumente im Repräsentationssaal der Stadt aufgestellt wurden, gleichrangig neben Martin Behaims Erdglobus und Albrecht Dürers Vier Aposteln.
In seinen Kartenwerken paarten sich praktisch-erfinderisches Talent mit wissenschaftlicher und künstlerischer Genialität. In seinen Lehrbüchern zeigt er sich als Wissenschaftler und Didaktiker. Pfinzing war also eine äußerst facettenreiche Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts, die Talente und Begabungen auf vielen Gebieten in sich vereinte. Fächerübergreifende Denkweise und geniale Verbindung von Theorie und Praxis zeichneten ihn aus. Mit seinem wissenschaftlichen An-spruch und seiner Neigung zur Didaktik erscheint er als Schulpatron hervorragend geeignet. Die Gemeinde Henfenfeld kann stolz auf ihren ehemaligen Schlossherrn sein, den Kaufmann und Ratsherrn, Künstler, Kartographen und Wissenschaftler Paul Pfinzing.