„Because I was a SS-Aufseherin“

 

So lautete der Titel des Multimediavortrags, der den 9. Klassen des Paul Pfinzing-Gymnasiums Täterinnen im Nationalsozialismus näherbringen sollte. Gestaltet wurde der Vortrag durch die Nürnberger Historikerin Nadja Bennewitz und die Schauspielerin Jule Schröter. Ermöglicht hatte dies der Zonta-Club Nürnberg, den Kontakt hergestellt hatte Geschichtslehrerin Barbara Raub.

Nach ein paar einleitenden Worten des Oberstudiendirektors Klaus Neunhoeffer und der Präsidentin des Zonta-Clubs, der sich international für die Verbesserung der Frauenrechte einsetzt, Maria Luise Lenk-Schäfer, für die die „heutige Präsentation Neuland“ war, begannen Nadja Bennewitz und Jule Schröter mit einem szenisch vorgelesenen Verhör einer nach dem Krieg im US-amerikanischen Internierungslager Ludwigsburg internierten Frau. Deren Aussage lautete, das im KZ „alles gut“ sei. Dem widersprachen weitere Frauen in Original-Audioaufnahmen. So hätten die SS-Aufseherinnen, auf deren Fokus der Vortrag lag, ihre Macht durchaus auszuüben gewusst.

Ca. 10% der SS-Aufseher in den Konzentrationslagern waren Frauen. Sie waren jedoch nicht in den Todeslagern eingesetzt, sondern zum einen in reinen Frauen-KZs, zum anderen in solchen mit angeschlossenen Frauenbereichen. Allein 30 der 90 Außenlager Flossenbürgs waren reine Frauenlager. Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur wurden politische Gefangene noch von Mitgliedern der NS-Frauenschaft beaufsichtigt, im Zweiten Weltkrieg alle inhaftierten Frauen durch SS-Aufseherinnen.

Dabei gab es drei Möglichkeiten, Aufseherin zu werden: Über Zeitungsannoncen konnten die Frauen sich freiwillig bewerben, erhielten beim Vorstellungsgespräch aber meist keine direkte Auskunft über ihre zukünftige Tätigkeit als „Aufseherinnen“. Außerdem wurden sie vom Arbeitsamt angeworben. Ab 1944 wurden die Frauen oft direkt von den Rüstungsfirmen eingesetzt, bei denen sie arbeiteten. Es war möglich, sich dieser Dienstverpflichtung zu entziehen, dies schafften jedoch nur wenige Frauen. Das Moralsystem lautete, es sei eine normale Arbeit, die Frauen hätten die Möglichkeit, Karriere zu machen, womit sie ein höheres Ansehen in der SS-Gefolgschaft erzielten, auch gab es Freizeitmöglichkeiten. Die Verdienstmöglichkeiten lagen mit 105 RM im Monat höher als in den Fabriken, dazu kam im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück mietfreies Wohnen in Dienstwohnungen. Diese werden heute als Jugendherbergen bei der Gedenkstättenarbeit eingesetzt.

Die Frauen erhielten eine ca. 5-tägliche Ausbildung, über deren Inhalt keine genauen Angaben mehr zu machen sind. Auch war eine `besondere Veranlagung´ zur Bereitschaft, Menschen zu quälen, vorteilhaft und sorgte für einen schnellen Aufstieg in der KZ-Hierarchie. Und das, obwohl die Veranlassung der Frauen, die Häftlinge zu schlagen und zu misshandeln, keinen Befehl der SS-Obrigkeit darstellte.

Um nach der Befreiung der KZs nicht als Hauptschuldige verurteilt zu werden, mussten sich die Aufseherinnen mit Ausreden entlasten. Sie galten zwar nicht als Mitglieder der SS, gehörten aber zu deren Gefolge. Auch konnten sie ihre Arbeit nicht als reine Zwangsmaßnahe bezeichnen, da sie sich dafür regulär bewerben mussten. Vor den deutschen, französischen, englischen und polnischen Gerichten bestritten sie jegliche Ausübung von Gewalt und machten ihre Opfer oftmals zu Täterinnen. Der Unterschied zwischen der Selbstdarstellung der Aufseherinnen und der Realität war groß. Bei weiteren Befragungen verstrickten sie sich außerdem in Widersprüche, einmal gaben sie an, keine Insassinnen geschlagen zu haben, ein anderes Mal bestätigten sie Strafen oder Prügel.

In Deutschland fand nur eine Verurteilung gegen eine SS-Aufseherinnen statt, die meisten kehrten nach der Befreiung der Konzentrationslager unbescholten in ihre frühere Arbeit zurück. Bei in den 70er-Jahren durchgeführten Befragungen konnte ihnen kaum mehr etwas nachgewiesen werden.

Am Ende kam Nadja Bennewitz noch auf Hilde Heck zu sprechen, die als zivile Arbeiterin stillen Protest betrieb und den arbeitenden Häftlingen bei Sabotage-Maßnahmen half. Nach Ende des Krieges sorgte sie dafür, dass die Namen der SS-Frauen bekannt wurden und sie verhaftet werden konnten. Mit Hilde Hecks Zeitzeugenaussage „Es ist nicht vorbei, das kommt immer wieder hoch“ beendete Bennewitz ihren anschaulichen, teilweise erschütternden Vortrag, an den sich noch eine Diskussionsrunde mit den Schülern anschloss.

Michelle Ermer