Eine Lesung mit Patricia Litten: "Eine Mutter kämpft gegen Hitler"

Die Schauspielerin Patricia Litten, die zuletzt am Staatstheater Nürnberg ihre eigene Großmutter in „Der Prozess des Hans Litten“ verkörpert hatte, las am Paul Pfinzing Gymnasium, möglich gemacht durch die finanzielle Unterstützung des Fördervereins des PPG, aus dem Buch, auf dem das Theaterstück basiert: „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“. Dabei gab sie den Schülerinnen und Schülern aus den 10. und 11. Klassen auch tiefgreifende Einblicke in die Geschichte ihres Onkels.

Nach einleitenden Vorworten von Oberstudiendirektor Klaus Neunhoeffer begann Patricia Litten mit teils gelesenen Auszügen des Buches, aber auch erklärenden Anmerkungen und Erzählungen zur Geschichte Hans Littens.

Hans Litten war ein junger Anwalt, der in Königsberg, dem heutigen in Russland liegenden Kaliningrad, aufgewachsen war. Nach seiner Anklage gegen Adolf Hitler 1931 im sogenannten „Edenpalast-Prozess“, bei dem der sich zu den Taten der SA in einem Berliner Tanzlokal rechtfertigen sollte und dem „Felsenecke-Prozess“ 1932, stellte er für das NS-Regime eine Gefahr dar, die es auszuschalten galt. Litten wurde angeboten, ins Exil zu gehen, aber er lehnte ab. So wurde er in der Nacht des Reichstagsbrandes am 27.02.1933 verhaftet und kam ins Gefängnis nach Berlin-Spandau.

Von da an begann eine Odyssee: Er kam im April desselben Jahres in das Konzentrationslager Sonnenburg, von dort aus nach Brandenburg, Papenburg und im Juni 1934 nach Lichtenburg. Dort blieb er fast drei Jahre und neun Monate, bevor er nach jahrelangen Schikanen und Misshandlungen am 04. Februar 1938 kurz nach seiner Verlegung nach Dachau starb.

Während der Zeit seiner Inhaftierung schrieb Hans seiner Mutter Irmgard, wobei es ihm gelang, durch fiktive Gerichtsfälle verschlüsselt Informationen nach draußen zu transportieren. Bei einem Besuch in Sonnenburg bat die Mutter den schwer misshandelten Sohn, auszusagen, auch wenn er das Regime nicht unterstütze. Nach seiner Aussage unternahm Hans einen Suizidversuch, den er jedoch überlebte.

Die ständigen Verlegungen zielten allein darauf ab, den Häftlingen kaum Vertrautheit untereinander zu ermöglichen, den Kontakt zur Familie zu unterbinden und sie durch gezielte Handlungen zu demütigen und schließlich zu brechen. Gab es eine undichte Stelle in der Hierarchie der KZs, so wurde durch diese Handlungen zudem Angst und Schweigen in der Bevölkerung geschürt.

In Lichtenburg ließen die SS-Schergen die Häftlinge eine „Party“ vorbereiten und ausführen – Litten rezitierte in seinem Beitrag das Gedicht „Die Gedanken sind frei“. Dies bekam ihm allerdings nicht sonderlich gut, schließlich erfolgte seine Verlegung nach Dachau. Von dort erhielt seine inzwischen sehr schwer herzkranke Mutter im Februar 1938 die Todesnachricht ihres Sohnes. Irmgard Litten fuhr mit einer befreundeten Ärztin nach Dachau und wollte Hans Leiche sehen, obwohl sie wusste, dass sie mit seinen Mördern an dessen Sarg stand. Irmgard wollte bewusst ein schlichtes Begräbnis für ihren Sohn, und doch war die Leichenhalle feierlich geschmückt, als sie und ihre Freundin Abschied nahmen, den Wunsch des Sohnes erfüllend, als ein Ausschnitt der Matthäus-Passion erklang.

Irmgard Litten unternahm jahrelang größte Bemühungen, setzte unter ständiger Beobachtung der Gestapo und dauerhaftem Ringen um Besuchserlaubnisse alle Hebel in Bewegung, um ihren Sohn zu retten. Im englischen Exil schrieb sie ihre Erlebnisse schließlich nieder.

Betroffene Stille herrschte unter den Schülern, als Patricia Litten endete. Sie hatte nur noch ein Anliegen, das sie den Schülern mitgeben wollte: Seid aufmerksam und lasst so etwas nicht wieder geschehen – denn Geschichte wiederholt sich.

Michelle Ermer