Ein Todeszug in die Freiheit

Eine Hochachtung verdient die Geschichte, die 1945 im tschechischen Leitmeritz ihren Anfang und in Velesin ein den Umständen entsprechend glückliches Ende fand. Dabei gelang es den Einwohnern des heutigen Tschechiens, mehrere 1000 KZ-Häftlinge zu retten. Die Besonderheit: Es entstanden Filmaufnahmen und viele Fotografien, die Thomas Muggenthaler und Andrea Mocellin in einem beeindruckenden Film verarbeitet haben. Dieser war Ende November im Paul-Pfinzing-Gymnasium zu sehen.

Bei seiner Begrüßung freute sich Oberstudiendirektor Klaus Neunhoeffer über das gemischte Publikum, das neben Schülern, Lehrern, Eltern und Interessierten auch aus einigen Mitgliedern des Hersbrucker Stadtrates, Erstem Bürgermeister Robert Ilg und Landtagsabgeordnetem Norbert Dünkel bestand. Neunhoeffer fasste einleitend schon einmal einiges über den Film zusammen, der am 09.11.2018 den deutsch-tschechischen Journalistenpreis gewinnen konnte und konnte von Schulkontakten mit einem ersten Schüleraustausch im letzten Jahr mit Litoměřice, dem Ausgangspunkt des Films, berichten. Außerdem bedankte er sich bei zwei Schülern, die sich um die technischen Gegebenheiten gekümmert hatten und bei Lehrerin Barbara Raub, die sich seit einigen Jahren um Gedenkstättenpädagogik kümmert und die Organisation dieses Abends übernommen hatte.

Danach übernahm Dr. Matthias Rittner von der Gedenkstätte Flossenbürg das Mikro und gab weitere geschichtliche Hintergrundinformationen. Leitmeritz war Flossenbürgs größtes Außenlager und hatte vom 24. März 1944 bis zur Auflösung am 8. Mai '45 über 16.000 Häftlinge. Genauso wie in Hersbruck, dem zweitgrößten Außenlager mit etwa 9.000 Häftlingen in ähnlichem Zeitraum, entstand auch dort eine unterirdische Fabrik. Dort wurden Panzermotoren hergestellt.

Als der Krieg im Februar 1945 schon als verloren galt, wurden die Häftlinge quer durch das damalige Reichsgebiet transportiert, entweder auf sogenannten „Todesmärschen“ oder mit Zugtransporten.

Auch Thomas Muggenthaler, Journalist v.a. im Hörfunkbereich beim Bayerischen Rundfunk, richtete ein paar einleitende Worte an das Publikum. Er kommt seit vielen Jahren nach Hersbruck und hat hier schon frühere Filmproduktionen zeigen dürfen. Ausgangspunkt seines neuesten Werks war die Neuerstellung der Ausstellung in Flossenbürg, die 2007 eröffnet wurde. Bei der Konzeption wurden außergewöhnliche Aufnahmen und Fotos von KZ-Häftlingen gefunden, die in Prag entstanden waren und Hilfleistungen zeigten. Sie bilden damit gleichzeitig einen Kontrast zu den Todesmärschen in Deutschland.

Der anschließend gezeigte Film zeigt heimlich gedrehte Bilder, die von ungewöhnlicher Zivilcourage zeugen. Tschechen beobachteten und fotografierten während der ganzen Strecke, die ein Zug mit 77 Waggons, deren eigentliche Nutzung für den Kohletransport bestimmt war, in den anderen rund 4000 „zusammengepferchte“ Menschen, zurücklegte. Sie gaben nicht nur Meldung, dass der dieser Zug mit Start im Frühjahr 1945 von Leitmeritz nach Süden unterweg ist, mit ursprünglichem Ziel Mauthausen, sondern unternahmen aktiv Bemühungen, den Zug zu stoppen.

Schon beim ersten Halt des Zuges „84903“ am befanden sich am nächsten Morgen Brot und Kekse in einigen der Waggons. In Kralupy hielt der Zug am 29. April '45. Die Bürger baten die SS-Wachmänner, die Waggons zu öffnen und versorgten die Häftlinge mit Wasser. Nach einem kurzen Überaschungsmoment, in dem die SS dies zugelassen hatte, fing sie dann doch an, die Aktion wieder zu unterbinden und erschoss dabei insgesamt 13 Häftlinge.

5 Kilometer vor Prag wurde noch am selben Tag der kleine Ort Roztoky erreicht. Auch hier wollen die Leute vor Ort helfen, sie bieten Essen an. Der Bahnhofsvorsteher verzögerte außerdem die Weiterfahrt, wichtige Stunden, um Hilfe zu leisten. Die hier von einem jungen Fotografen aufgenommenen Bilder und in Anwesenheit der SS gedrehten Filmaufnahmen sind einzigartig. Auch O-Töne von Überlebenden des Transports genauso wie damaligen Helfern werden durch den Film anschaulich vermittelt. So sagt ein Augenzeuge zu den geschilderten Szenen, er kann die Bilder bis heute nicht vergessen.

Auch wenn die Soldaten hier mit Waffen auf die Helfer zielen, die Bürger lassen sich nicht von der SS abschrecken. Es gelingt ihnen, einige Häftlinge in den Warteraum der Bahnstation zu schleusen und von dort mit Zivil-Kleidung auf  der anderen Seite wieder herausgehen zu lassen. So werden hier alleine 300 Menschen versteckt.

Bis zum nächsten Halt in Prag-Bubny ist der dortige Bahnhofsvorsteher schon informiert. Nun erreicht das organisierte Eingreifen der Tschechen seinen Höhepunkt: Unter Leichentüchern versteckte Menschen schmuggeln sie aus dem Zug, rund 1000 Menschen kommen frei. Daraus entstanden oft lebenslange Freundschaften zwischen Rettern und Geretteten. Die Wachen greifen kaum noch ein.

Kritisch wird es noch einmal, als der Zug wenig später ein Dorf mit SS-Truppenübungsplatz erreicht. Dort wird er 6 Tage auf ein Abstellgleis gestellt und fast schon vergessen. Häftlinge, die mit einigen ihrer Bewacher im Dorf nach Nahrung fragen, werden zum Teil erschossen. Die Willkür der SS wird einmal mehr deutlich. Schließlich bringen die Tschechen in Lastwagen Verpflegung und Wasser, um die entsetzlichen Zustände in den Waggons wenigstens halbwegs zu ändern. Einer der Helfer fragt sich, „wie ein Mensch einem anderen so etwas antun kann“.

Inzwischen sind sich die Kommandoebenen der SS nicht mehr einig. Mauthausen war bereits befreit, zuletzt stoppen Tscshechen und russische Wlassow-Soldaten am 8. Mai den Zug bei Velesin in Südböhmen.

So zeigt der Film und damit auch der Zugtransport, dass es Handlungsspielräume gab, denn nur so konnte das Aufhalten eines ganzen Zuges überhaupt möglich gemacht werden. Nach dem Schlusswort von Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, „es ist einfach zu sagen, es ging nicht anders, ist diese Aktion doch eine der Humanität, die in Deutschland so nicht vorkam“, bleibt das Publikum erst einmal einige Minuten betroffen und schweigend zurück.

In der anschließenden Fragerunde mit Thomas Muggenthaler und Dr. Martin Rittner beantworteten diese die Fragen des Publikums, sowohl zur Entstehung des Films als auch zu zukünftigen Plänen der Historiker und Journalisten.

Prägend auch die Gedanken von Klaus Neunhoeffer am Schluss – denn der Film nimmt bewusst fast ausschließlich die Perspektive der Gefangenen ein. „Kleine Leute haben hier großartiges geleistet“, sagt er. Und er nimmt den Film als Ansatz, um mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen und die Lehren der Vergangenheit in die Gegenwart zu übertragen.

Michelle Ermer

 

Der Dokumentationsfilm „Todeszug in die Freiheit“ ist noch bis zum 09.05.2019 in der BR-Mediathek unter https://www.br.de/mediathek/video/geschichte-eines-kz-transports-todeszug-in-die-freiheit-av:5ab8ef87b388c90018a89900 ansehbar.

Bildnachweis: Mittelböhmisches Museum / BR