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Musik, Erinnerung und Begegnung: Das Projekt „Ich werde Zeitzeuge“ am Paul-Pfinzing-Gymnasium

Wie lässt sich Erinnerung an Geschichte und jüdisches Leben für junge Menschen erfahrbar machen? Genau dieser Frage widmet sich das Bildungsprojekt „Ich werde Zeitzeuge“ des Projektes „Arche Musica“. Um Schülerinnen und Schüler für Demokratie, Respekt und Erinnerungskultur zu sensibilisieren, durchliefen sie eine intensive Projektphase mit drei eng verzahnten Workshops, die das Thema auf unterschiedliche Weise zugänglich machten.

 
Was ist Arche Musica?
Hinter dem Projekt steht die 2018 gegründete deutsch-israelische Initiative „Projekt 2025 – Arche Musica“, ein in Deutschland einzigartiges Bildungs- und Forschungsprojekt im Bereich der aktiven Erinnerungskultur und Antisemitismusprävention. Initiiert wurde es von den aus Bamberg stammenden Brüdern Thomas und Andreas Spindler sowie Danny Donner aus Tel Aviv. Das Kernstück bildet die digitale Bibliothek und Wissensplattform „Arche Musica“. Ihre Aufgabe ist es, nahezu vergessene Kompositionen und Musikstücke aus der Zeit der jüdischen Emanzipation und des Holocaust (1890–1945) zu bewahren, zu digitalisieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Vergleichbar mit der „Arche Noah“ soll so das jüdische Kulturerbe vor dem Vergessen bewahrt werden.
Zu den Projektpartnern zählen die Musikabteilung und das nationale Soundarchiv der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem sowie die Musikabteilung der Tel Aviv School of Arts. Alle erarbeiteten Inhalte werden über die digitale Dialogplattform weltweit und mehrsprachig zur allgemeinen Teilhabe bereitgestellt und in Bildungseinrichtungen eingesetzt, um das jüdische Erbe nachhaltig sichtbar zu machen. Für ihr Engagement wurde Arche Musica 2024 mit dem Bürgerpreis des Bayerischen Landtags im Bereich Erinnerungsarbeit ausgezeichnet.

 
Musik als Zugang: Der Tischharfen-Workshop
Den musikalischen Teil bildete ein Tischharfen-Workshop. Mit den sogenannten „Zauberharfen“ konnten alle – ganz ohne Vorkenntnisse – sofort gemeinsam musizieren. Unter Anleitung von Musikpädagogin Anke Spindler wurden Notenblätter unter die Saiten geschoben, sodass rasch ein harmonischer Klang entstand und die Gruppe zu einem gemeinsamen Klangkörper wurde.

Jüdisches Leben heute: Workshop mit Keren Vogler
Wie fühlt sich jüdischer Alltag in Deutschland heute an? Warum werden jüdische Jugendliche oft automatisch als Expertinnen und Experten für den Nahostkonflikt vereinnahmt? Antworten darauf gab Keren Vogler in ihrem Workshop „Antisemitismus-was hat das mit mir zu tun?“. Als Antirassismusbeauftragte des DJK-Sportverbandes und Brückenbauerin zwischen Religionen kennt sie gesellschaftliche Strukturen aus langjähriger Arbeit in Gremien des Deutschen Olympischen Sportbundes und der Deutschen Sportjugend. Voglers Ansatz löst festgefahrene Zuschreibungen auf: Im Mittelpunkt steht nicht das Etikett, sondern der Mensch – mit dem Ziel, ein von Respekt geprägtes Miteinander zu stärken.

 
Reflexion und Vertiefung: Arbeitsphase mit Nina Huber-Stein
Ergänzt wurde das Programm durch eine von Nina Huber-Stein betreute Arbeitsphase. Hier standen die Vertiefung der Inhalte und das gemeinsame Reflektieren im Vordergrund. Die Jugendlichen konnten ihre persönlichen Zugänge zur Erinnerungskultur festigen und das Erlebte in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen.

 
Digitales Archiv: „Buch des jüdischen Lebens“
In ihrem Workshop stellte Nina Huber-Stein die digitale Dialogplattform des Projekts „Ich werde Zeitzeuge – Arche Musica“ vor. Über dieses System können Schülerinnen und Schüler eigenständig recherchieren und Biografien sowie Lebenswelten von Jüdinnen und Juden aus mehr als 1700 Jahren deutscher Geschichte erfassen und systematisch sichern. Im Verlauf des Projekts wächst so das „Buch des jüdischen Lebens“ zu einer umfassenden Informationsbasis heran. Jeder neue Baustein und jede biografische Erzählung erweitern diesen digitalen Wissensschatz und schaffen ein nachhaltiges, lebendiges Archiv der Erinnerungskultur.

 
Lokale Spuren: Von Hersbruck bis in die Gegenwart
Ein besonderer lokaler Bezug entstand unter anderem in Hersbruck: Die Jugendlichen widmeten sich intensiv der historischen Spurensuche zur traditionsreichen jüdischen Familie Prager aus Ottensoos. Diese historische Annäherung wurde durch die Auseinandersetzung mit der Gegenwart ergänzt, etwa anhand der Biografie des jungen Ambergers Tim Kurockin. So spannte sich ein Bogen von der Geschichte bis ins heutige jüdische Leben.

 
Appell von Margot Friedländer: „Werdet ihr die Zeitzeugen“
Das Projekt Arche Musica greift damit den dringenden Appell der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer auf: „Dass ihr die Zeitzeugen werdet, die wir nicht mehr lange sein können.“ Die Verbindung aus aktivem, gemeinsamem Musizieren an den Tischharfen und den kreativen wie reflektierenden Dialogen in den Workshops von Keren Vogler und Nina Huber-Stein hat eindrucksvoll gezeigt, wie lebendig Erinnerungsarbeit sein kann. Die Jugendlichen erfuhren, dass Geschichte nicht nur aus trockenen Jahreszahlen besteht, sondern durch Kultur, Töne und persönliche Begegnungen tief berühren und das gesellschaftliche Miteinander nachhaltig prägen kann.
 
 
In seinem Schlusswort zeigte sich der der Schulleiter des PPG beeindruckt von den durch die Schülerinnen und Schüler am Vormittag erarbeiteten Ergebnissen und der intensiven Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema. Besonders dankte er dem Projektleiter Thomas Spindler und dem ganzen Team von „Arche Musica“.